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Unter den gezielt ausgewählten Unternehmen mit bestehendem oder geplantem Europa-Geschäft erhält die Region die meisten Nennungen. Die Ergebnisse zeigen Interesse und Erwartungen, messen aber weder Investitionssummen noch künftige Kapitalflüsse.
Unter den befragten Führungskräften aus Unternehmen, die bereits in Europa investieren oder einen Einstieg planen beziehungsweise erwägen, wird Europa mit 35 Prozent am häufigsten als attraktivste Weltregion für das eigene Geschäft genannt. Innerhalb Europas führen 56 Prozent Deutschland als eines ihrer drei wichtigsten Investitionsziele an. Die Werte signalisieren wirtschaftliches Interesse, belegen aber noch keine zusätzlichen Fabriken, Forschungszentren oder Arbeitsplätze.
Für die von der Deutschen Bank herausgegebene „Global Sentiment Survey on Europe 2026“ befragte Kantar im Juli und August 2026 insgesamt 1.200 Führungskräfte und Entscheidungsträger in 13 außereuropäischen Märkten. Die Deutsche Bank veröffentlichte die Ergebnisse am 21. September 2026. Da ausschließlich Unternehmen mit bestehendem oder erwogenem Europa-Engagement einbezogen wurden, bildet die Studie eine bereits grundsätzlich interessierte Gruppe ab.
Europa liegt bei den Nennungen relativ vorn
Europa erreicht mit 35 Prozent den höchsten Einzelwert, wird aber nicht von einer Mehrheit der Befragten als attraktivste Region bezeichnet. Der asiatisch-pazifische Raum ohne China folgt mit 24 Prozent, Nordamerika mit 19 Prozent. Der Nahe Osten kommt auf 10 Prozent, China auf 6 Prozent und Lateinamerika auf 5 Prozent.
Für 81 Prozent der Befragten hat Europa bei Investitionsentscheidungen in den vergangenen drei Jahren an Bedeutung gewonnen. Davon sprechen 28 Prozent von einer deutlich und 53 Prozent von einer etwas größeren Bedeutung. Lediglich 3 Prozent messen der Region weniger Gewicht bei als drei Jahre zuvor.
Daneben nennen 74 Prozent besondere Wachstumschancen und 71 Prozent Innovation und Digitalisierung als europäische Stärken. Ebenfalls 71 Prozent bewerten Europa als sehr oder eher widerstandsfähigen Wirtschaftsraum. Diese Angaben erfassen Einschätzungen der Befragten; sie erklären nicht abschließend, wodurch Europas gestiegene Bedeutung verursacht wurde.
Deutschland führt die Rangliste der europäischen Ziele an
Deutschland nennen 56 Prozent der 1.200 Befragten als eines ihrer drei wichtigsten europäischen Investitionsziele. Das Vereinigte Königreich folgt mit 47 Prozent, Frankreich mit 35 Prozent. Weil jedes Unternehmen bis zu drei Länder auswählen konnte, steht der deutsche Wert weder für einen exklusiven ersten Platz bei jedem Befragten noch für einen Anteil an tatsächlich investiertem Kapital.
Gute Bewertungen erhält Deutschland unter anderem bei Infrastruktur und Logistik, industriellen Kapazitäten, qualifizierten Arbeitskräften und Innovationskraft im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz. Hinzu kommen Marktwachstum und die Möglichkeiten zur Skalierung eines Geschäfts.
Der positiven Bewertung Deutschlands stehen europaweite Kritikpunkte gegenüber: Die Befragten nennen unter anderem hohe Kosten und langsame Genehmigungen. Aus den veröffentlichten Angaben geht nicht hervor, wie stark diese Hindernisse speziell Deutschland betreffen. Ein gesonderter Länderwert, der die Belastung für den deutschen Standort quantifiziert, liegt nicht vor.
Absatz und Vertrieb prägen das bisherige Europa-Geschäft
Von den bereits in Europa aktiven Unternehmen verkaufen 73 Prozent Waren oder Dienstleistungen an europäische Kunden. Insgesamt 59 Prozent unterhalten eigene Vertriebs- oder Verkaufsteams in der Region. In der bestehenden Geschäftstätigkeit dient Europa damit deutlich häufiger als Absatz- und Vertriebsmarkt denn als Produktionsstandort.
Auch für die kommenden Jahre bleibt der Absatz zentral: 99 Prozent halten Europa für das Wachstum ihres Unternehmens in den nächsten drei bis fünf Jahren für einen wichtigen Absatzmarkt. Dieser nahezu einhellige Wert misst eine Erwartung, keine konkrete Investitionszusage. Er sagt auch nichts darüber aus, wie hoch mögliche Ausgaben ausfallen oder in welchen Ländern sie getätigt würden.
Nur 19 Prozent der bereits in Europa aktiven Unternehmen produzieren nach den Befragungsdaten vor Ort. Gleichzeitig erwarten 92 Prozent aller Befragten, dass Europa in den kommenden drei bis fünf Jahren für Produktion, Forschung und Entwicklung sowie stabile Lieferketten wichtig sein wird. Davon halten 51 Prozent diese Rolle für sehr wichtig.
Die Differenz zwischen der bislang begrenzten Produktion vor Ort und der erwarteten künftigen Bedeutung weist auf mögliches Investitionspotenzial hin, erlaubt aber keine belastbare Prognose. Der Zukunftswert bündelt mehrere Unternehmensfunktionen und lässt offen, ob neue Mittel in Produktionsanlagen, Forschung, Logistik, Lieferketten oder bestehende Standorte fließen könnten.
Grenzüberschreitende Hürden belasten den Binnenmarkt
Eine zentrale Belastung liegt nach der Befragung im grenzüberschreitenden Geschäft. Nach Angaben von 43 Prozent beeinträchtigen entsprechende Hindernisse Europas Attraktivität stark oder sehr stark. Weitere 42 Prozent sehen zumindest teilweise negative Auswirkungen; 15 Prozent schreiben den Hürden geringe oder keine Folgen zu.
Welche einzelnen Hindernisse dabei das größte Gewicht haben, lässt sich aus den veröffentlichten Zahlen nicht ablesen. Deutsche-Bank-Vorstand Alexander von zur Mühlen deutet die Ergebnisse als Hinweis darauf, dass außereuropäische Unternehmen Europa weiterhin als fragmentierten Markt wahrnehmen. Diese Fragmentierungsdiagnose ist seine Einordnung und kein separat ausgewiesener Messwert der Befragung.
Wirtschaftlich ist der Befund dennoch relevant: Der europäische Binnenmarkt verspricht Unternehmen Zugang zu zahlreichen nationalen Absatzmärkten. Wenn Unterschiede in Verfahren oder anderen Rahmenbedingungen das grenzüberschreitende Geschäft erschweren, lässt sich dieser Vorteil in der Praxis nur teilweise nutzen. Die ebenfalls europaweit kritisierten hohen Kosten und langsamen Genehmigungen können die Schwelle für konkrete Projekte zusätzlich erhöhen.
Die Stichprobe begrenzt die Aussagekraft
Die Auswahl der Befragten ist für die Interpretation entscheidend. Erfasst wurden Unternehmen, die bereits in Europa investieren oder einen Markteintritt planen beziehungsweise erwägen. Die Ergebnisse sind deshalb kein repräsentatives Stimmungsbild aller Unternehmen außerhalb Europas und lassen sich nicht auf sämtliche potenziellen Investoren übertragen.
Zwischen erfahrenen und potenziellen Investoren zeigt sich zudem ein deutlicher Unterschied. Unter Unternehmen, die Europa bereits aus eigener Geschäftstätigkeit kennen, bezeichnen 45 Prozent die Region als attraktivstes Ziel. Bei Unternehmen, die dort noch nicht investiert haben, dies aber planen, sind es 15 Prozent. Die Daten zeigen damit einen Zusammenhang zwischen bestehender Präsenz und positiver Bewertung; ob die eigene Erfahrung diese Einschätzung verursacht, lässt sich daraus nicht ableiten.
Insgesamt 61 Prozent aller Befragten sind bereits in Europa engagiert und wollen ihre Aktivitäten innerhalb der kommenden fünf Jahre ausbauen. Weitere 6 Prozent sind investiert, planen derzeit aber keine Expansion. Die übrigen 33 Prozent sind noch nicht aktiv und planen oder erwägen innerhalb dieses Zeitraums einen Einstieg.
Für Europa besteht die wirtschaftspolitische Aufgabe damit weniger darin, ein grundsätzliches Interesse nachzuweisen. Entscheidend ist, ob Unternehmen aus ihren Absichten verbindliche Projekte entwickeln. Die Umfrage zeigt, an welchen Punkten diese Umsetzung scheitern kann, lässt aber offen, wie viel des bekundeten Interesses tatsächlich in Investitionen, zusätzliche Produktionskapazitäten und Beschäftigung mündet.

