Die geplante Reform setzt stärker auf Kapitalmarkt, einfachere Förderung und niedrigere Kosten – mit Folgen für Sparer und Anbieter
Die Riester-Rente steht seit Jahren in der Kritik, nun soll sie durch ein neues Modell ersetzt werden. Im Zentrum der Reform steht ein Altersvorsorge-Depot, das die private Vorsorge stärker an den Kapitalmarkt anbindet und einfacher, flexibler sowie kostengünstiger werden soll. Relevant ist das Thema für Millionen Sparer, für die Finanzbranche und für die Rentenpolitik insgesamt.
Die Reform markiert einen Bruch mit der Logik der Riester-Rente
Die Riester-Rente wurde eingeführt, um die gesetzliche Rente durch staatlich gefördertes privates Sparen zu ergänzen. In der Praxis litt das Modell jedoch unter hoher Komplexität, teils hohen Kosten und begrenzten Renditechancen. Ein zentraler Grund war die bisherige Garantieanforderung: Anbieter mussten sicherstellen, dass zu Beginn der Auszahlungsphase mindestens die eingezahlten Beiträge erhalten bleiben. Das drängte viele Produkte in sehr vorsichtige Anlagen.
Genau hier setzt die Reform an. Künftig soll neben klassischen Garantieprodukten ein renditeorientiertes Altersvorsorge-Depot ohne Garantie zugelassen werden. Damit würde der Staat erstmals eine geförderte private Altersvorsorge ermöglichen, die stärker auf Fonds und andere kapitalmarktorientierte Anlagen setzt. Das ist ein echter Systemwechsel: Nicht mehr der Kapitalerhalt steht im Zentrum, sondern die Aussicht auf höhere reale Erträge über lange Laufzeiten.
Das Depot soll einfacher sein, aber nicht schrankenlos
Das geplante Altersvorsorge-Depot ist kein völlig freies Wertpapierdepot. Es bleibt an klare Regeln gebunden. Zulässig sein sollen nur bestimmte Anlageklassen, die für Kleinanleger geeignet sind. Für das Standardprodukt sieht der Gesetzentwurf zudem eine stärker standardisierte Struktur vor, damit Sparer nicht jede Anlageentscheidung selbst treffen müssen.
Wichtig ist auch: Das Depot ersetzt nicht jede Form von Absicherung. Nach aktuellem Stand sollen weiterhin Garantieprodukte angeboten werden können, bei denen zu Beginn der Auszahlungsphase entweder 100 oder 80 Prozent der eingezahlten Beiträge abgesichert sind. Die Reform eröffnet also mehr Wahlmöglichkeiten, statt nur ein einziges Modell vorzuschreiben. Das ist ökonomisch sinnvoll, weil Vorsorgesparer sehr unterschiedliche Risikoprofile haben. Ein 30-Jähriger mit langem Anlagehorizont bewertet Marktschwankungen anders als jemand kurz vor dem Ruhestand.
Förderung und Kosten sind der eigentliche Hebel
Entscheidend für den Erfolg der Reform ist weniger das Wort Depot als die Architektur dahinter. Private Altersvorsorge funktioniert in Deutschland nur dann in der Breite, wenn Förderung, Kosten und Verständlichkeit zusammenpassen. Der Gesetzentwurf sieht deshalb eine einfachere, beitragsbezogene Zulagenlogik vor. Kleine und mittlere Sparleistungen sollen gezielter gefördert werden, Familien mit Kindern ebenfalls. Der Berufseinsteigerbonus bleibt erhalten. In den jüngsten Koalitionsberatungen wurden die Zuschüsse nach Medienberichten sogar noch erhöht.
Auch bei den Kosten liegt ein Kernproblem der alten Riester-Welt. Das Standardprodukt soll deshalb gedeckelte Effektivkosten haben. Im Regierungsentwurf liegt die Obergrenze bei 1,5 Prozent. Zugleich wurde in der Anhörung des Bundestags deutlich, dass genau dieser Punkt umstritten ist: Verbraucherschützer halten den Deckel eher für zu hoch, Teile der Finanzwirtschaft für unnötig oder zu strikt. In den jüngsten Berichten über die Koalitionseinigung ist sogar von einer weiteren Verschärfung die Rede. Daran zeigt sich, wie zentral die Kostenfrage für die spätere Nettorendite ist. Ein Vorsorgeprodukt kann am Kapitalmarkt ordentlich verdienen und trotzdem beim Kunden schwach ankommen, wenn Gebühren einen zu großen Teil der Rendite auffressen.
Für Anbieter beginnt ein neuer Wettbewerb
Die Reform ist nicht nur ein Verbraucherthema, sondern auch ein Eingriff in die Marktstruktur. Versicherer verlieren mit einem depotbasierten Modell einen Teil ihres bisherigen Vorteils aus der Produktlogik klassischer Riester-Verträge. Banken, Fondsgesellschaften und digitale Anbieter könnten stärker gewinnen, weil einfache fondsbasierte Produkte leichter skalieren und günstiger verwalten lassen. Der Gesetzentwurf verteilt zudem Abschlusskosten stärker über die Vertragslaufzeit und erleichtert den Wechsel, was den Wettbewerbsdruck erhöht.
Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch den Vorschlag, ein staatlich organisiertes Standardprodukt zu ermöglichen. Genau daran entzündet sich ein Teil der aktuellen Kritik aus der Branche. Befürworter sehen darin eine Chance auf ein besonders schlichtes und kostengünstiges Basisangebot. Kritiker warnen vor Wettbewerbsverzerrungen, wenn der Staat zugleich Regulierer und Anbieter wäre. Noch ist offen, wie stark dieser Punkt das endgültige Modell prägen wird.
Hintergrund
Die private Altersvorsorge ist in Deutschland seit Jahren ein Problemfeld. Zwar gibt es noch immer knapp 15 Millionen Riester-Verträge, doch ein erheblicher Teil davon wird nicht mehr aktiv bespart oder liefert nur begrenzte reale Erträge. Gleichzeitig steigt der Druck auf das gesamte Alterssicherungssystem: Die Bevölkerung altert, die gesetzliche Rente kann die Versorgungslücke vieler Haushalte allein kaum schließen, und sichere Zinsprodukte haben über lange Phasen an Attraktivität verloren.
Vor diesem Hintergrund ist das Altersvorsorge-Depot mehr als ein neues Finanzprodukt. Es ist der Versuch, die dritte Säule der Altersvorsorge grundsätzlich neu zu justieren. Ob das gelingt, wird an drei Punkten entschieden: an niedrigen Kosten, an einer Förderung, die auch kleine Sparbeträge attraktiv macht, und an einem Produktdesign, das Renditechancen eröffnet, ohne durchschnittliche Sparer zu überfordern. Sollte diese Balance gelingen, könnte das Depot die private Vorsorge tatsächlich beleben. Misslingt sie, droht nur ein weiterer komplizierter Reformzyklus in einem ohnehin fragilen System.



