Die Nachrichtenagentur dapd berief den früheren Bundesinnenminister Otto Schily im Juni 2011 in ihren Beirat. Die Personalentscheidung fiel in eine Phase, in der die noch junge Agentur ihre Stellung auf dem deutschen Nachrichtenmarkt ausbauen wollte. Gleichzeitig verstärkte dapd seinen Vorstand und stellte die weitere Expansion des Unternehmens organisatorisch breiter auf.
- Otto Schily sollte die journalistische Unabhängigkeit mit absichern
- Schily kam nach seiner politischen Karriere zur dapd
- Gleichzeitig wurde der Vorstand verstärkt
- dapd war damals ein noch junger Wettbewerber auf dem Agenturmarkt
- Journalistische Unabhängigkeit war ein sensibles Thema
- Die Expansionsphase hielt nicht dauerhaft an
- Ein Stück deutscher Mediengeschichte
Die Berufung Schilys wurde am 28. Juni 2011 bekanntgegeben. Der damals 78-jährige SPD-Politiker folgte im Beirat auf den früheren Bundestagsabgeordneten Hans-Ulrich Klose, der das Gremium einige Monate zuvor aus persönlichen Gründen verlassen hatte.
Otto Schily sollte die journalistische Unabhängigkeit mit absichern
Der Beirat hatte bei dapd keine klassische redaktionelle Leitungsfunktion. Seine Aufgabe lag vielmehr darin, die Unabhängigkeit der journalistischen Berichterstattung zu begleiten und abzusichern.
Damit sollte ein zusätzliches Kontroll- und Beratungsgremium neben Geschäftsführung, Vorstand und Redaktion bestehen. Für Journalistinnen und Journalisten war außerdem eine Art Appellinstanz vorgesehen, an die sie sich wenden konnten, wenn sie ihre journalistische Freiheit beeinträchtigt sahen.
Neben Otto Schily gehörten dem Beirat zu dieser Zeit weitere bekannte Persönlichkeiten aus Medien und Politik an. Dazu zählten der frühere ZDF-Intendant Dieter Stolte sowie Wilfried Scharnagl, der langjährige Chefredakteur des „Bayernkurier“.
Die Zusammensetzung war durchaus bemerkenswert: Mit Schily, Stolte und Scharnagl kamen sehr unterschiedliche politische und mediale Erfahrungen in einem Gremium zusammen.
Schily kam nach seiner politischen Karriere zur dapd
Otto Schily gehörte über Jahrzehnte zu den bekanntesten deutschen Politikern. Von 1998 bis 2005 war er Bundesminister des Innern in den von Bundeskanzler Gerhard Schröder geführten Regierungen.
Nach dem Ende seiner aktiven bundespolitischen Karriere übernahm Schily verschiedene Aufgaben in Unternehmen und Beratungsgremien. 2007 gründete er die Unternehmensberatung German Consult GmbH. Im Juni 2011 kam die Mitgliedschaft im dapd-Beirat hinzu.
Die Berufung eines früheren Bundesinnenministers war für eine Nachrichtenagentur nicht nur personell interessant. Sie verlieh dem neu geschaffenen beziehungsweise neu besetzten Kontrollgremium zugleich öffentliches Gewicht.
Gleichzeitig wurde der Vorstand verstärkt
Die Personalie Schily war Teil einer größeren Veränderung bei dapd.
Parallel zur Berufung in den Beirat verstärkte die Nachrichtenagentur ihren Vorstand mit Leonhard Reznicek. Der Politologe und Betriebswirt sollte insbesondere kaufmännische Aufgaben übernehmen.
Damit wurden zwei unterschiedliche Bereiche gestärkt: Während der Beirat die journalistische Unabhängigkeit begleiten sollte, sollte der erweiterte Vorstand die wirtschaftliche und organisatorische Entwicklung des Unternehmens unterstützen.
Das war für dapd zu diesem Zeitpunkt von Bedeutung. Die Agentur befand sich in einer Phase schnellen Wachstums und versuchte, sich dauerhaft als große Alternative zur Deutschen Presse-Agentur dpa zu etablieren.
dapd war damals ein noch junger Wettbewerber auf dem Agenturmarkt
Die dapd Nachrichtenagentur war erst 2010 in ihrer damaligen Form entstanden. Grundlage waren der Deutsche Depeschendienst ddp und der deutsche Dienst der US-Nachrichtenagentur Associated Press.
Damit entstand auf dem deutschen Markt eine Nachrichtenagentur, die den Anspruch erhob, ein umfassendes Angebot für Tageszeitungen, Zeitschriften, Onlinemedien, Rundfunkanstalten, Unternehmen und öffentliche Institutionen bereitzustellen.
2011 befand sich dapd mitten in der Expansion. Das Unternehmen baute nicht nur seine redaktionellen Angebote aus, sondern entwickelte auch neue Dienste und erweiterte seine Aktivitäten außerhalb Deutschlands.
Im Sommer 2011 übernahm die Gruppe beispielsweise die französische Fotoagentur Sipa Press. Zum 1. August desselben Jahres startete dapd außerdem einen eigenen Sportdienst.
Die Berufung Schilys muss daher vor diesem Hintergrund gesehen werden: dapd wollte nicht mehr lediglich als neuer Wettbewerber wahrgenommen werden, sondern sich als dauerhaft etablierte Vollagentur positionieren.
Journalistische Unabhängigkeit war ein sensibles Thema
Für Nachrichtenagenturen besitzt die Frage der redaktionellen Unabhängigkeit besondere Bedeutung. Ihre Meldungen werden von zahlreichen Medien übernommen und erreichen dadurch ein Publikum, das weit über die eigenen direkten Kunden hinausgeht.
Ein Beirat, der ausdrücklich über die Unabhängigkeit der Berichterstattung wachen sollte, war deshalb auch ein Signal nach außen.
Nach zeitgenössischen Berichten sollte das Gremium zugleich eine Anlaufstelle bieten, wenn Redakteurinnen und Redakteure den Eindruck hatten, in ihrer journalistischen Arbeit eingeschränkt zu werden.
Mit Otto Schily erhielt dieses Gremium ein prominentes neues Mitglied. Seine politische Vergangenheit war dabei offensichtlich – gleichzeitig gehörten dem Beirat Personen mit unterschiedlichen politischen und publizistischen Hintergründen an.
Die Expansionsphase hielt nicht dauerhaft an
Im Sommer 2011 präsentierte sich dapd als wachsender Herausforderer auf dem deutschen Nachrichtenmarkt. Diese Entwicklung erwies sich allerdings als nicht nachhaltig.
Am 2. Oktober 2012 beantragten Gesellschaften der dapd-Gruppe Insolvenz. Es folgten Restrukturierungsversuche und eine Fortführung von Teilen des Geschäftsbetriebs. Im Frühjahr 2013 geriet die Nachrichtenagentur erneut in die Insolvenz.
Am 11. April 2013 wurde der Agenturbetrieb schließlich eingestellt.
Damit liegt zwischen der Berufung Otto Schilys in den Beirat und dem Ende des Nachrichtendienstes weniger als zwei Jahre. Rückblickend gehört die Personalentscheidung deshalb in jene kurze Phase, in der dapd besonders offensiv expandierte und den Anspruch verfolgte, sich dauerhaft als zweite große Vollagentur auf dem deutschen Markt zu etablieren.
Ein Stück deutscher Mediengeschichte
Die Berufung Otto Schilys in den dapd-Beirat war keine isolierte Personalentscheidung. Sie zeigt vielmehr, wie ambitioniert die Nachrichtenagentur im Jahr 2011 auftrat.
dapd erweiterte sein Angebot, investierte in neue Geschäftsfelder und versuchte zugleich, Strukturen zu schaffen, die journalistische Unabhängigkeit und wirtschaftliches Wachstum miteinander verbinden sollten.
Otto Schily gehörte dabei zu einem Beirat, der ausdrücklich als institutionelle Absicherung der redaktionellen Unabhängigkeit gedacht war.
Dass die Agentur nur wenig später in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und schließlich ihren Betrieb einstellen musste, macht diese Phase heute zu einem aufschlussreichen Kapitel der jüngeren deutschen Mediengeschichte.

