Wird der Liter Super bald 2,30 oder sogar 3,00 Euro kosten?
Die militärische Eskalation rund um den Iran trifft einen der empfindlichsten Punkte der Weltwirtschaft: die Energieversorgung. In den vergangenen Stunden zogen die Ölpreise deutlich an. Brent-Rohöl, die für Europa wichtigste Referenzsorte, sprang auf ein Niveau um knapp 80 US-Dollar je Barrel. Damit kehrt ein Thema zurück, das viele Autofahrerinnen und Autofahrer in Deutschland unmittelbar spüren: steigende Preise an der Zapfsäule.
- Wird der Liter Super bald 2,30 oder sogar 3,00 Euro kosten?
- Warum Deutschland betroffen ist, auch ohne „Iran-Öl“ im Tank
- Der typische Übertragungsweg: Warum es an der Tankstelle zeitversetzt knallt
- Prognosen: Drei Szenarien für Brent und die Spritpreise in Deutschland
- 1) Kurzfristige Schockreaktion, danach Beruhigung
- 2) Anhaltende Störungen, teure Umwege, Risiko bleibt hoch
- 3) Längere oder weitreichende Blockade, echter Angebotsausfall
- Was Reserven und Politik bewirken können – und was nicht
- Ausblick: Warum die nächsten Tage entscheidend sind
Im Zentrum der Sorge steht die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Öl- und Gas-Transitrouten der Welt. Über diese Meerenge läuft ein großer Teil der globalen Öl- und LNG-Transporte. Schon eine teilweise Störung kann am Markt erhebliche Preisbewegungen auslösen, weil Händler nicht nur reale Ausfälle, sondern vor allem das Risiko weiterer Ausfälle einpreisen. Berichte über eine zeitweise Schließung und eine vorsorgliche Zurückhaltung von Reedereien würden genau diesen Mechanismus verstärken.
Warum Deutschland betroffen ist, auch ohne „Iran-Öl“ im Tank
Für Deutschland ist nicht entscheidend, aus welchem Land ein bestimmtes Barrel Rohöl stammt, sondern zu welchem Preis Rohöl weltweit gehandelt wird. Mineralölprodukte werden in einem internationalen Markt bepreist, Raffinerien kaufen Rohöl zu Weltmarktkonditionen, und auch fertige Produkte wie Benzin und Diesel werden europaweit gehandelt. Ein Preisschock im Nahen Osten wirkt daher schnell bis nach Deutschland.
Dazu kommt: Der Preis an der Zapfsäule ist ein Mix aus mehreren Komponenten. Rohöl ist wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend. Raffineriekosten und -margen, Großhandelsnotierungen für Benzin/Diesel, Logistik, Wettbewerb vor Ort sowie der Euro-Dollar-Wechselkurs spielen ebenfalls eine Rolle. Und: Steuern und Abgaben machen in Deutschland einen großen Anteil aus. Das sorgt einerseits dafür, dass Rohölbewegungen nicht 1:1 durchschlagen, andererseits verstärkt die Mehrwertsteuer absolute Preissprünge, weil sie prozentual auf den Endpreis erhoben wird.
Der typische Übertragungsweg: Warum es an der Tankstelle zeitversetzt knallt
Selbst wenn Brent heute stark steigt, sieht man den Effekt an der Zapfsäule nicht immer sofort voll. Viele Akteure arbeiten mit Lagerbeständen, zudem reagieren Produktpreise (Benzin/Diesel an den Handelsplätzen) teilweise schneller oder auch stärker als Rohöl, etwa wenn Raffineriekapazitäten knapp sind oder der Markt besonders nervös reagiert.
In einer echten Lieferkrise – etwa wenn Tankerfahrten ausfallen, Versicherungen teurer werden oder Umwege die Transportzeiten erhöhen – kann der Preisauftrieb bei Produkten deutlich über dem Rohölimpuls liegen. Genau deshalb sind „Hormus-Schlagzeilen“ für den Spritpreis oft so relevant.
Prognosen: Drei Szenarien für Brent und die Spritpreise in Deutschland
Prognosen sind in solchen Phasen zwangsläufig mit Unsicherheit verbunden. Dennoch lassen sich plausible Korridore skizzieren, wenn man typische Marktreaktionen und die Struktur des Endpreises berücksichtigt.
1) Kurzfristige Schockreaktion, danach Beruhigung
Wenn die Lage zwar militärisch angespannt bleibt, der Transit aber weitgehend funktioniert und diplomatische Signale eine Stabilisierung nahelegen, könnte Brent im Bereich um 80 bis 90 US-Dollar schwanken.
Für Deutschland hieße das oft: spürbar höhere, aber noch nicht extreme Preise. Bei Super E10 und Diesel wären Aufschläge im Bereich von mehreren Cent bis einigen zehn Cent pro Liter im Vergleich zu einem ruhigen Marktumfeld realistisch – abhängig vom Euro-Dollar-Kurs und den Raffineriemargen.
2) Anhaltende Störungen, teure Umwege, Risiko bleibt hoch
Sollten Schiffe langsamer fahren, einzelne Korridore gemieden werden, Versicherungs- und Sicherheitskosten steigen und gleichzeitig die Nervosität an den Märkten anhalten, sind 90 bis 100 US-Dollar für Brent ein plausibler Bereich.
Dann könnte der Effekt an deutschen Tankstellen schnell in Richtung 20 bis 40 Cent pro Liter gehen, in regionalen Spitzen auch darüber. In solchen Phasen sind Preissprünge oft nicht linear: Wenn sich Marktteilnehmer gegenseitig überbieten, steigt die Risikoprämie schneller als die reale Knappheit.
3) Längere oder weitreichende Blockade, echter Angebotsausfall
Das Hochrisiko-Szenario wäre eine länger anhaltende, wirksame Blockade oder eine deutliche Reduktion der Durchfahrten, die nicht kurzfristig kompensiert werden kann. In diesem Fall wären Brent-Niveaus oberhalb von 100 US-Dollar möglich, in Extremszenarien auch deutlich darüber.
Für Deutschland würde das sehr wahrscheinlich kräftige Preisaufschläge bedeuten. Bereiche um 2,30 bis 2,70 Euro pro Liter wären dann nicht mehr nur theoretisch, sondern marktwirtschaftlich erklärbar – insbesondere, wenn parallel der Euro gegenüber dem Dollar schwächer wird und Produktmärkte zusätzlich verknappen. Ob es tatsächlich in Richtung 3 Euro geht, hängt wesentlich davon ab, wie lange und wie konsequent der Fluss durch Hormus eingeschränkt wäre und ob strategische Reserven sowie zusätzliche Lieferströme die Lage beruhigen.
Was Reserven und Politik bewirken können – und was nicht
Strategische Ölreserven können kurzfristig helfen, Panik zu dämpfen und Versorgungslücken zu überbrücken. Sie sind jedoch kein Ersatz für dauerhaft ausfallende Liefermengen. Außerdem entscheidet der Markt oft schneller als politische Maßnahmen wirken. Sobald Händler erwarten, dass ein Engpass länger anhält, steigen Risikoaufschläge selbst dann, wenn Reserven freigegeben werden.
In Deutschland kommt als politischer Hebel vor allem die steuerliche Seite in Betracht. Da ein relevanter Teil des Literpreises aus Abgaben besteht, kann der Staat Preisbewegungen teilweise abfedern, etwa durch zeitweise Anpassungen bei Steuern oder durch zielgerichtete Entlastungen. Ob und wie das umgesetzt wird, ist allerdings eine politische Entscheidung – und sie muss europarechtliche und fiskalische Rahmenbedingungen berücksichtigen.
Ausblick: Warum die nächsten Tage entscheidend sind
Für die Preisrichtung ist weniger eine einzelne Schlagzeile entscheidend, sondern die Kombination aus tatsächlichen Transitbedingungen, militärischer Dynamik und diplomatischen Signalen. Öl- und Produktmärkte reagieren in solchen Lagen extrem nachrichtengetrieben. Das bedeutet: Die Tankstellenpreise können in kurzer Zeit stark schwanken, auch wenn die reale Versorgungslage zunächst noch stabil wirkt.
Unterm Strich gilt: Je länger und je glaubwürdiger die Gefahr bleibt, dass Lieferungen durch die Straße von Hormus ausfallen oder teuer umgeleitet werden müssen, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines spürbaren Spritpreisschocks in Deutschland.



